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Verdauung: Störfaktor Keime

Die Darmflora regelt die Verdauung und wehrt Erreger ab. Doch wie beeinflusst sie unsere Gesundheit? Und wie wirken sich Ballaststoffe, Antibiotika und Probiotika aus?
von Barbara Kandler-Schmitt, 16.08.2017

Probiotische Joghurts sollen die Darmflora stabilisieren und Reisedurchfall vorbeugen

istock/Goodluz

Um Nahrung optimal verwerten zu können, brauchen wir die Unterstützung von 100 Billionen Keimen. So viele Darmbakterien leben schätzungsweise im Dickdarm eines gesunden Erwachsenen. Dieses sogenannte Mikrobiom ist bei jedem Menschen anders zusammengesetzt – und das hat offenbar unter anderem Einfluss auf das ­individuelle Risiko für Diabetes und Übergewicht.

"Das Mikrobiom hat sich im Lauf von Jahrtausenden entwickelt, um die Verdauung zu optimieren", erläutert Professor Christian Trautwein, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen.

Eine vielfältige Darmflora wirkt sich günstig aus

Mehr als tausend verschiedene Bakte­rienstämme bauen im Dickdarm schwer verdauliche Nahrungsbestandteile ab und bewirken, dass die Nährstoffe möglichst effektiv durch die Schleimhaut aufgenommen werden. "In Zeiten des Mangels ist das sehr sinnvoll, doch beim heu­tigen Überangebot an Nahrung scheint eine bestimmte Zusammensetzung des Mikrobioms Übergewicht zu begünstigen", so Trautwein.

Die natürliche Darmflora bekämpft die dargestellten Krankheitserreger. Bei Escherichia coli sind die meisten Stämme harmlos

W&B/Michelle Günther

Auch für unser Immunsystem sind Darmbakterien unverzichtbar. Unter anderem, weil sie Krankheitserreger daran hindern, sich auszubreiten. "Je größer die Artenvielfalt im Darm, umso geringer ist das Risiko von Infektionen und Allergien", sagt Trautwein. Allerdings nehme in den Indus­­trienationen die Artenvielfalt im Darm der Menschen stark ab. Die Ursache sei unter anderem übertriebene Hygiene. "Dadurch gelangen insgesamt weniger Keime in den Darm."

Ballaststoffe gegen Autoimmunerkrankungen

Beeinflussen können wir die Zusammensetzung unseres Mikrobioms offenbar durch die Ernährung. Wer etwa wenig Ballaststoffe zu sich nimmt, hat aktuellen Studien zufolge ein erhöhtes Risiko für Autoimmunerkrankungen.

Noch problematischer können sich vor allem Antibiotika auswirken. Diese töten mitunter nicht nur die Krankheitserreger ab, die sie bekämpfen sollen, sondern auch Teile der Darmflora. In der Folge haben Erreger wie Clostridien leichtes Spiel.

Medikamente mit Nachwirkung

Sie überwuchern das geschwächte Mikrobiom und verursachen chronische Durchfälle, die man mit speziellen Antibiotika behandelt. "Wirken diese nicht, stellt häufig nur eine Stuhltransplantation die Darmflora wieder her", erklärt Trautwein. Hierbei erhält der Patient Darmbakterien eines gesunden Spenders. Zur Wirkung von probiotischen Bakterien­kulturen, wie sie etwa in Joghurt vorkommen, sei die Studienlage dagegen widersprüchlich. Auch Magensäureblocker verändern die Darmflora. Die verminderte Säure tötet Keime in der Nahrung nicht mehr zuverlässig ab.

Andererseits sind Antibiotika und Säureblocker wirksame Waffen gegen Helicobacter pylori. "Magengeschwüre werden meist durch diesen Keim ausgelöst", sagt Mediziner Labenz. Da dieser Erreger sich mittlerweile gut behandeln lasse, gehen die Fälle zurück. "Stattdessen rücken funktionelle Beschwerden wie Reizmagen und Reizdarm in den Vordergrund".

Interview mit Professor Christian Trautwein, Gastroenterologe und Direktor der Medizinischen Klinik III am Uniklinikum Aachen

Herr Professor Trautwein, machen Probiotika unsere Darmflora gesünder?

Probiotische Keime wie Lakto­bazillen und Bifidobakterien sollen die Darmflora stabilisieren. Für allgemeine Empfehlungen ist die wissenschaftliche Datenlage aber noch zu dünn – zumal die Präparate sehr unterschiedlich zusammengesetzt sind.

Was ist überhaupt belegt? 

Als gesichert gilt, dass probio­tische Keime Reisedurchfall vorbeugen. Und bei Kindern verhindern sie Durchfälle nach einer Antibiotika-Therapie. Auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen gibt es Erfolge.

Sollte man bei einer Antibiotikatherapie also grundsätzlich Probiotika einnehmen?

Dazu gibt es nicht genug Studien. Die gleichzeitige Einnahme macht meiner Meinung nach keinen Sinn, weil Antibiotika auch probiotische Keime zerstören. Wenn überhaupt, würde ich sie erst nach dem Ende der Therapie nehmen.

Helfen Probiotika Patienten mit Reizdarmsyndrom?

Auch hier wissen wir zu wenig. Aber Studien liefern zumindest Hinweise, dass sich bei manchen Patienten ein Behandlungsversuch lohnen kann.



Bildnachweis: istock/Goodluz, W&B/Michelle Günther

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